Rede von Otto Cramer


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Posted by Peter D?rsam junior on February 08, 2004 at 23:58:21:

(Die Rede wurde von der Seite des Immanuel
Kant Gymnasiums ?bernommen.)

Wir trauern um Peter D?rsam

Als Vertreter des Immauel-Kant-Gymnasiums hielt Otto Cramer auf der Trauerfeier am 15.Januar in der Kapelle des Sinstorfer Friedhofs die folgende Rede:

Liebe Familie D?rsam, liebe Mittrauernde,

Peter D?rsam ist tot. Und noch wehrt sich das Bewusstsein, die wirkliche Bedeutung dieses Satzes anzunehmen und zu begreifen. Noch am 22.Dezember schrieb Peter auf dem Forum seiner Web-Seite "wirklich.de" mit dem Blick auf das neue Jahr, das ja ein "Kant-Jahr" werden sollte:

"Sch?n w?re es, wenn wir gemeinsam in unseren Bem?hungen um Vernunft und Wahrheit weiter vorankommen w?rden!"

Kein Mensch ? er selbst am allerwenigsten ? konnte damit rechnen, dass der Tod seinen Bem?hungen nur wenige Tage sp?ter ein so pl?tzliches Ende setzen w?rde.

Was mich als einen seiner ehemaligen Kollegen und Weggef?hrten tief anger?hrt hat, sind die Reaktionen seiner ehemaligen Sch?lerinnen und Sch?ler auf die Todesnachricht. Sie sind ?berw?ltigend! Das sind keine "formellen Beleidsbekundungen", jede einzelne ein tief aus dem Innern kommender Ausdruck eines pers?nlich empfundenen Verlusts und ehrlicher Dankbarkeit. Viele erinnern sich liebevoll an Begegnungen mit Peter D?rsam, sei es im Unterricht, beim Joggen im Appelb?ttler Tal oder an Gespr?che bei ihm Zuhause. Am liebsten w?rde ich alle Nachrufe aus dem Forum vorlesen, aber es sind einfach zu viele. Darum will ich nur einen einzigen vollst?ndig zitieren

In meinem jetzigen Beruf wird man st?ndig mit dem Tod konfrontiert.
Und trotzdem erwischt es einen doch eiskalt, wenn man pl?tzlich betroffen ist.
Man ist ersch?ttert, traurig, vielleicht w?tend (weil man sich nicht verabschieden konnte), man fragt sich: "Warum grade er?"
Man sucht nach Gr?nden um es besser zu verstehen.
Und dennoch ist es eine Suche nach einer Antwort, die einen in den meisten F?llen doch nicht befriedigt.
Was bleibt ist die Trauer um den Verlust.
Peter, ich habe Deinen Unterricht sehr gesch?tzt, wenn nicht sogar geliebt.
Ich habe mich immer darauf gefreut. Dein Unterricht war etwas Besonderes. Ich habe Dich f?r die Freude, mit der Du immer (wirklich immer!!!!) bei der Sache warst, sehr bewundert. Wie viele Lehrer mussten wir ertragen, die mit der Zeit die Lust an Ihrem Beruf verloren hatten. Und dann kamst Du! Du warst sicherlich nicht einer der j?ngsten Lehrer und trotzdem strahltest Du immer noch soviel Freude aus, als wenn es nichts Sch?neres geben k?nnte, als uns zu unterrichten.
Dieser Unterricht bei Dir war mit Sicherheit f?r uns Alle eine neue Erfahrung. Es hat mich dazu gebracht ?ber viele Dinge intensiver nachzudenken und meine Meinung gut zu begr?nden. Denn richtig oder falsch gab es nicht. Man musste seinen Standpunkt nur immer gut begr?nden.
Du hast mich sicherlich ein St?ck weit gepr?gt und daf?r mochte ich Dir danke sagen.
Du warst ein Mensch, den wir alle sicherlich nie vergessen werden!

In Erinnerung an den weltbesten Lehrer,
Anja-Susann

Was jetzt folgt ist, Teil einer Rede, die ich anl?sslich Peter D?rsams Verabschiedung in den Ruhestand verfasst habe. Damals, im Juli 2001 habe ich die Rede nicht halten k?nnen. Peter D?rsam hat mir aber nachtr?glich sein Einverst?ndnis mit dem hier gezeichneten Bild seines Wirkens erkl?rt.

* Immer, wenn ich einem ehemaligen Sch?ler begegne, kann ich sicher sein, irgendwann kommt die Frage: "Ist Herr D?rsam immer noch an der Schule?" Was ist das Geheimnis, die Faszination des Peter D?rsam? Vielleicht kann die Antwort ausgerechnet Nietzsche geben, und zwar in seinem Gedicht>
> Ecce homo
> Ja, ich wei?, woher ich stamme!
> Unges?ttigt gleich der Flamme
> Gl?he und verzehr ich mich -
> Licht wird alles, was ich fasse,
> Kohle alles, was ich lasse:
> Flamme bin ich sicherlich.

Das ist es, glaube ich, was besonders Deine Sch?ler an Dir fasziniert hat. "Ich verstehe zwar nicht alles, was er sagt, aber ich sp?re, er ist Feuer und Flamme f?r das, was er sagt."

Kein Geringerer als der gro?e Philosoph Karl Jaspers hat Dein Sosein auf den Punkt gebracht: "Sie wollen Wahrheit, darum m?ssen Sie die Erfahrungen machen, die Sie bedr?ngen..."

Lieber Peter, Karl Jaspers schrieb Dir aber auch: "Wir k?nnen die Welt weder ?berblicken, noch sie nach unseren W?nschen im Ganzen wandeln.
Was uns verg?nnt ist, das ist, an unserem Platze bescheiden f?r das zu wirken, wozu wir bestimmt sind. Vielleicht geht uns dieses "Wof?r wir bestimmt sind", wenn wir sehr alt werden, ein wenig heller auf".

Ich unterstelle einmal, f?r Dich war die Schule Dein Utopia. Deine Mission war es, hier wenigstens im Kleinen, Deine Idee von der "Herrschaft des Arguments" im Sinne Kants zu verwirklichen. Zu diesem Zweck hast Du die Philosophie-AG ins Leben gerufen, ein Diskussionsforum ?ber alles, was die Sch?ler bewegte, und die durch Presse und Fernsehen ?ber die Grenzen Sinstorfs hinaus bekannt wurde.

Deine Stunde kam, als der Schule ein Name gegeben werden sollte. Der Sieg Immanuel Kants war auch ein Sieg Peter D?rsams. Doch leider folgte dem ersten Sieg kein Siegeszug. Aus einem "Gymnasium Sinstorf" wurde ?ber Nacht kein "Immanuel Kant-Gymnasium" im Sinne Deiner Utopie.

Vor allem der Lehrk?rper erwies sich als relativ resistent gegen?ber dem Bazillus Deiner Begeisterung. Verzweifelt hast Du Dich bem?ht, durch Verst?rkung der Dosen die gew?nschten Reaktionen zu erzeugen.
Ich zitiere Dich hier selbst:
"?berall kommt es im Konfliktfall ohne m?gliche argumentative Vermittlung als Letztinstanz faktisch zu Widerspr?chen oder irrationalen Begleiterscheinungen."

Aber genug davon, denn diese Sichtweise entspricht ja auch nicht ganz der Wirklichkeit. Ganz vergeblich ist Dein Kampf f?r Wahrheit, die Herrschaft des Arguments und den "Ewigen Frieden" ja nicht gewesen.
Es ist nun mal das Schicksal von Propheten, dass die Geschichte ihnen nicht sofort Recht gibt. Aber manchmal wird den einsamen Rufern doch die Genugtuung zuteil, dass ihre Rufe zu allgemein anerkannten Maximen werden.

Ich erinnere an die Hilf- und Tatenlosigkeit der Politiker, der Philosophen und vor allem der Friedensforschung angesichts des Schlachtens auf dem Balkan und an Deine Emp?rung ?ber die faktischen Komplizenschaft mit den Schl?chtern. H?ttest Du damals im Traum daran gedacht, dass Milosevic sich vor dem Haager Tribunal f?r seine Verbrechen verantworten muss?

Aber kehren wir zur Schule zur?ck. Auf den Kant-Abenden zerbrechen sich Sch?ler, Eltern und Lehrer den Kopf, wie die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit durch kleinere und gr??ere Schritte verkleinert werden kann. Die ersten Ergebnisse k?nnen sich sehen lassen und k?nnen ohne weiteres auch Dir als Verdienst angerechnet werden.
Lieber Peter. Beamtenrechtlich gehst Du in den Ruhestand, Das hei?t aber nicht, dass Dein Wirken als Lehrer aufh?rt. Der neue Zustand gibt Dir die Freiheit, in h?herem und idealerem Sinn Lehrer zu sein! Zum Schluss m?chte ich noch einmal Jaspers zitieren, und ich glaube, dem ist nichts mehr hinzuzuf?gen:
"Ich meine zu sehen, dass Sie auf dem rechten Wege sind und dass Sie sich diesen Weg immer von neuem frei machen m?ssen, wie es unser Menschenschicksal ist. Wir gestehen uns unsere Irrungen ein, dann werden wir ihrer Herr, nie endg?ltig Herr, aber im Fortschreiten, das bis zum Ende nie aufh?rt."
Soweit Carl Jaspers.
Lieber Peter: Ich w?nsche Dir, dass es so weitergeht!


Das alles wollte ich Peter D?rsam im Juli 2001 sagen. Zweieinhalb Jahre sind ihm seitdem noch geblieben. Dass er seine Zeit genutzt hat, beweist seine Webseite www.wirklich.de mit gro?er Eindringlichkeit. Und wer je daran gezweifelt hat: trotz aller Polemik im Lehrerzimmer: Peter D?rsam liebte das Gymnasium mit dem Namen "seines" Philosophen. Hitzige Gefechte wurden ausgetragen und manche Wunden geschlagen, die nur langsam vernarbt sind. Wer aber seine Beitr?ge liest und auf die Signale zwischen den Zeilen achtet, der erkennt: Hier ringt ein Lehrer aus Leidenschaft um die Seele seiner Schule. Darum m?chte ich Peter D?rsam selbst das letzte Wort geben:

"Wenn heute irgendwo dem globalen Orientierungsdefizit mit berechtigter Hoffnung auf Erfolg entgegengewirkt werden kann, dann ist es in der Schule. Was Freiheit und Demokratie ist, wird hier gelernt oder meist nie mehr richtig. Die Aufgabe des so genannten sozialen Lernens muss deshalb viel ernster genommen werden als bisher, wenn Freiheit langfristig gewahrt und am Ende die Menschen in W?rde ?berleben wollen. Insofern geh?rt beides in die Schule: Fachwissen durch die vielen Lernf?cher und Orientierungswissen durch Philosophie, Gemeinschaftskunde usw.. Erst die gelungene Synthese von Sach- und Reflexionswissen macht die gute, weil geistig lebendige Schule aus. Das neue Schulgesetz ermuntert in diesem Sinn zu freiwilligen Initiativen. Von welcher Schule sollte man hier mehr Engagement erwarten d?rfen, mit gutem Beispiel voranzuschreiten, als von einer, die den Namen "Immanuel Kant" tr?gt?"

Danke, Peter D?rsam, f?r alles, was du f?r die Schule getan hast!

Peter D?rsam wird in unseren Erinnerungen weiterleben. Das mag ein kleiner Trost sein f?r alle, die ihn sehr vermissen werden.


Otto Cramer am 15.Januar 2004


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