Begriff, Erfahrung, Moral


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Posted by edg on February 12, 2004 at 14:29:08:

Zum 200. Todestag: Kants "Kritik der reinen Vernunft" wiedergelesen / Von Otfried Höffe

Unter den Gründungsschriften der modernen Philosophie ragt ein Werk so weit heraus, dass es "die" Grundlegung bedeutet: Kants "Kritik der reinen Vernunft". Ob man an die Selbstkritik der Vernunft, an die Wende zum Subjekt oder an die zahllosen Lehrstücke denkt - vom synthetischen Apriori über das transzendentale "Ich denke" und die Mathematik als Sprache der Naturwissenschaft bis zur Kritik aller Gottesbeweise: Wer Kants "Kritik" studiert, macht sich mit den Wurzeln der seitherigen Philosophie vertraut. Diese Erinnerung folgt freilich der üblichen, orthodoxen Lektüre, die Kants "Kritik" nur der ersten der drei berühmten Fragen zuordnet, der nach dem Wissen. Tatsächlich geht Kant auch auf die zwei anderen Fragen ein: Was soll ich tun? Und: Was darf ich hoffen? Infolgedessen drängt sich eine neue heterodoxe Lesart auf: Die erste "Kritik" ist eine Art Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, die aber nicht, wie die französische Encyclopédie von etwa 150 Autoren, sondern von einem einzigen Denker verfasst wird. Dabei - so die Zuspitzung der heterodoxen zur häretischen Lesart - spielt die Moral die letztlich entscheidende Rolle. Kants erste Innovation: Die Theorie der Wissenschaft steht im Dienst der Moral.


Trotzdem wird die Wissenschaft nicht instrumentalisiert. Sie behält vielmehr ihren Eigenwert; die "Kritik" ist über weite Strecken eine Theorie objektiver Erkenntnis. Die ersten zwei von insgesamt vier Teilen, die "Ästhetik" und die "Analytik", untersuchen die Bedingungen für eine objektive Erkenntnis, die der dritte Teil, die Dialektik, um die Prinzipien jeder Forschung ergänzt. Selbst der vierte und letzte Teil, die "Methodenlehre", befasst sich kaum zu einem Drittel mit der Moral.


Kants Erkenntnistheorie überwindet den alten Streit zwischen Empirismus und Rationalismus mit einer zweiten Innovation, dem Gedanken einer vorempirischen Voraussetzung aller Empirie, dem synthetischen Apriori. Die orthodoxe Lektüre hält diesen Gedanken für einen bloß erkenntnis-theoretischen Begriff. Tatsächlich hat er auch eine moralische Bedeutung. Das Lügeverbot und das Hilfsgebot gelten nach Kant unabhängig von der hier entscheidenden Erfahrung, den Antrieben der Sinnlichkeit. Dritte Innovation: Auch die Moral hat den methodischen Rang eines synthetischen Apriori.


Im Rahmen seiner Erkenntnistheorie wendet sich Kant einer Wissenschaft zu, die seit jeher auf die Philosophie eine besondere Faszination ausübt: der Mathematik. Kant erliegt der Faszination aber nicht. Er hält die Mathematik zwar für das Muster einer erfolgreichen Wissenschaft, überdies für die Grundsprache aller Naturwissenschaft, nicht zuletzt für eine echte Vernunfterkenntnis. Deren spezifische Gestalt ist der Philosophie aber versperrt, denn die philosophische Erkenntnis ist eine Vernunfterkenntnis "aus Begriffen", die mathematische jedoch "aus der Konstruktion von Begriffen".


Diese vierte Innovation widerspricht dem bis heute vorherrschenden, rationalistischen Verständnis der Mathematik. Wie Kant am Beispiel der mathematischen Geometrie zeigt, ist sie auf eine reine, streng vorempirische Anschauung angewiesen. Die Beispiele für geometrische Grundsätze entnimmt er allerdings der damals allein bekannten Euklidischen Geometrie. Weil man längst andere Geometrien kennt, erscheint Kants Philosophie der Geometrie als heillos überholt. Um die "Kritik" gegen diese Bilanz zu "retten", hat man zwei Arten von Räumen unterschieden: den anschaulich gegebenen, dreidimensionalen Raum Euklids und die "komplizierteren" Räume der neueren Mathematik und Physik. Zusätzlich spricht man Euklids Raum eine philosophische Sonderstellung zu. Dieser Rettungsversuch wird aber weder Kant noch der Sache gerecht. Eine kantgerechte "Verteidigung" verzichtet vielmehr in einem ersten Schritt auf eine philosophische Sonderstellung für die zu Kants Zeit allein bekannte Geometrie. Im zweiten Schritt entlastet sie die Philosophie des Raumes von dessen wissenschaftlicher, sowohl mathematischer als auch physikalischer Erforschung. Und im dritten Schritt liest sie die "Kritik" nach Maßgabe des Verzichts und sieht, dass Kant generell seine Behauptungen zu beweisen sucht, für die Euklidischen Axiome aber nicht einmal ansatzweise einen Beweis unternimmt: Die Axiome sind Beispiele aus der damaligen Geometrie, aber nicht Bestandteile von Kants philosophischer Aussage.


Nach der "Kritik" verdankt sich die Erkenntnis dem Zusammenspiel von zwei Vermögen: Die rezeptive Sinnlichkeit nimmt Eindrücke auf, die der aktive Verstand zu einer Einheit und Bestimmtheit formt. Der logische Empirismus wird später reine Beobachtungsdaten annehmen und zwei Generationen intensiver Debatte brauchen, bis er diesen "Mythos des Gegebenen" überwindet. Hätte er die "Kritik" gründlich gelesen, so hätte sich die Philosophiegeschichte diesen Irrweg erspart. Kant zeigt mit überzeugenden Argumenten, dass die angeblich reine Beobachtung immer schon von begrifflichen Elementen durchwirkt ist. Diese Elemente sind zwar empirischer Natur; ihnen liegen aber - Kants fünfte Innovation - streng vorempirische Elemente zugrunde. Die Erkenntnis von Veränderungsprozessen ist beispielsweise an den Gedanken von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen, die Kausalität, gebunden. Die einzelnen Veränderungen sind "natürlich" empirisch, auch die Kräfte, die sie zustande bringen. Nicht zuletzt gilt dies für die einschlägigen Naturgesetze, die überdies probabilistischer Art sein können, was der nicht mehr deterministischen Mikro- und Atomphysik entspricht. Dass man erst m


ittels der Kräfte und der zugrunde liegenden Gesetze die Veränderungen als objektiv erkennt, ist aber ein synthetisches Apriori.


Mit diesem Gedanken scheint Kant allerdings sein moralisches Leitziel aufs Spiel zu setzen. Denn wenn die Natur rundum von Kausalität bestimmt ist, bleibt für Freiheit und Moral kein Raum. Heute sind es etwa die Neurowissenschaftler, die seit den Libet-Experimenten die große Botschaft verkünden, Kausalität und Freiheit widersprächen einander. Für Kant ist diese Botschaft neu. Sie entspricht dem Empirismus, der auch nach der "Kritik" zu Recht erklärt, alles in der Welt geschehe nach Gesetzen der Natur. Verstanden als eine Ursache, die selbst keine Ursache habe, kommt die Freiheit im Umkreis der Erfahrung nicht vor. Daraus folgt aber nicht ein Exklusivrecht des Empirismus, insbesondere nicht jener dogmatische Determinismus, der die Freiheit für unmöglich erklärt. Berechtigt ist lediglich ein methodischer Determinismus, nach dem jedes Ereignis, auch der so genannte Willensruck, von dem neuerdings Hirnforscher sprechen, sich auf Ursachen hinterfragen lässt. Von den angeblich so revolutionären Libet-Experimenten wäre Kant daher nicht überrascht. Dass man weder die Ursachenfrage von sich weisen noch deren Nichtbeantwortbarkeit belegen kann, bedeutet aber nur eine potenzielle Determinierung, keine aktuelle. Vor allem trifft sie lediglich auf den Umkreis möglicher Erfahrung zu. Außerhalb, im Bereich des Nichtempirischen, bleibt die Freiheit denkmöglich.


Auf diesem Zwischenergebnis - Kants sechste Innovation - baut die "Kritik" die Moralphilosophie auf. Zuvor präzisiert Kant den Begriff der für den Menschen charakteristischen Freiheit. Wie die Tiere, so kennt auch der Mensch Antriebe der Sinnlichkeit, als deren Kontrapunkt aber ebenso Vorstellungen des Nützlichen und Guten. Und je nach deren Reichweite sind drei Stufen der Freiheit zu unterscheiden: Auf der ersten, technischen Stufe beschränkt sich die Unabhängigkeit von sinnlichen Antrieben auf die Zweck-Mittel-Beziehung. Wer etwa reich werden will, braucht weit mehr Einnahmen als Ausgaben. Auf der zweiten, pragmatischen Stufe stellt sich die Frage, ob der Reichtum auch dem natürlichen Ziel des Menschen, dem eigenen Glück, dient. Erst auf der höchsten, moralischen Stufe macht man sich selbst von diesem Zweck frei und vermag auf Teile von Glück zu verzichten. Zum Beleg beruft sich Kant nicht auf Sondereinsichten von Philosophen, sondern - von Grund auf demokratisch - auf das sittliche Urteil eines jeden Menschen. Dieses verlangt, den Reichtum, wenn man ihn denn sucht, nur ehrlich, nicht betrügerisch zu erwerben, außerdem Notleidenden zu helfen.


Eine Philosophie, die in der skizzierten Weise das Wissen im Blick auf die Moral untersucht, nennt Kant erstaunlicherweise "kosmopolitisch", "weltbürgerlich". Damit meint er nicht etwa eine kultur- und epochenübergreifende Gültigkeit. Diese versteht sich bei einer gründlichen Philosophie von selbst. "Weltbürgerlich" heißt sie wegen ihres moralisch-praktischen Nutzens. Der Vorrang des Wissens weicht dem Primat der Moral.


Nimmt man alle diese und weitere Innovationen Kants zusammen, so darf man sich Friedrich Hölderlins Pathos leihen und sein Wort zur Philosophie abwandeln: Die "Kritik der reinen Vernunft" "musst Du studieren, und wenn du nicht mehr Geld hättest, als nötig ist, um eine Lampe und Öl zu kaufen, und nicht mehr Zeit als von Mitternacht bis zum Hahnenschrei".


Otfried Höffe ist ordentlicher Professor für Philosophie an der Universität Tübingen. Sein 2003 herausgekommenes Buch "Kants Kritik der reinen Vernunft. Die Grundlegung der modernen Philosophie" erscheint mittlerweile in dritter Auflage, sein "Immanuel Kant. Leben, Werk, Wirkung" in 6. Auflage (beide C. H. Beck, München).


Artikel erschienen am 12. Feb 2004
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