Immanuel Kants Prozess gegen die Anmaßungen des Verstandes


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Posted by edg on February 12, 2004 at 14:39:06:

Wie der Philosoph das Denken in seine Schranken wies und dadurch befreite
von Konrad Adam

Mit was ein gewöhnlicher Mensch rechnen muss, wenn er sich einen Philosophen zur Lektüre vornimmt, hat Thomas Mann in seinen "Buddenbrooks" beschrieben. Im Garten seines Hauses ist Konsul Thomas an Arthur Schopenhauer geraten, wahrscheinlich an seine "Welt als Wille und Vorstellung"; und kommt vom Lesen nicht mehr los. Ihm dämmert, dass es neben der ihm so wohl vertrauten Welt der Handelsherren und der bürgerlichen Würdenträger Dinge gibt, die er nur halb versteht, die ihm jedoch spontan viel wichtiger erscheinen als sein Berufsalltag als Kaufmann. Zwar fehlen ihm die Voraussetzungen, den Inhalt völlig zu begreifen, aber gerade das, der Überschuss des Fühlens über das Denken, wühlt ihn im Tiefsten auf.


Schwer vorstellbar, dass Thomas Buddenbrook mit Immanuel Kant, einem der Vorgänger und Lehrer Schopenhauers, etwas Ähnliches erlebt hätte. Denn Kant gilt als ein ausgesprochen schwieriger Schriftsteller, schwierig vor allem durch sein Übermaß an Präzision. Seinen Sätzen hört man die langen Erwägungen ab, die ihnen jedes Mal vorausgegangen sind. Alle Möglichkeiten sind durchgespielt, alle Fragen gestellt, alle Widersprüche bedacht und alle Auswege verstellt, wenn Kant mit kühler Konsequenz zum Schluss ansetzt. Er schreibt wie ein erbarmungsloser Jurist, nur besser, und man muss hellwach sein, um ihm zu folgen. Ein Literat wie Grillparzer empfiehlt ihn als ideale Vorschule für alle, die einen klaren Stil erlernen wollen: "Jeder, der sich der Literatur, wenn auch bloß der schönen, widmen will, sollte Kants Werke studieren, und zwar, abgesehen vom Inhalt, schon bloß wegen ihrer streng logischen Form", schreibt er in seinem Tagebuch. Nichts sei besser als ein solches Studium dazu geeignet, den Sinn für die Deutlichkeit, die Sonderung und die Präzision der Begriffe zu schärfen.


Um Kant kommt eben keiner herum, nicht einmal die Literaten, bis heute nicht. Selbst Nietzsche, der sich so schwer tat, neben sich selbst einen Zweiten gelten zu lassen, und der vor Ehrgeiz brannte, besser zu schreiben und zu denken als alle anderen, begegnet ihm mit widerwilligem Respekt. Kant, schreibt er in der "Fröhlichen Wissenschaft", habe auf eine alle Welt vor den Kopf stoßende Art beweisen wollen, dass alle Welt Recht hat: "Das war der heimliche Witz dieser Seele. Er schrieb gegen die Gelehrten zu Gunsten des Volks-Vorurteils, aber für Gelehrte und nicht für das Volk."


Das ist eine gute Antwort auf die Frage nach den Gründen für die anhaltende Wirkung von Kants kritischen Schriften. Er war ein Mann aus dem Volk, aber nicht für das Volk, und das mag ihn befähigt haben, wie niemand vor oder nach ihm - Platon natürlich ausgenommen - sowohl in die Höhe als auch in die Breite zu wirken. Als er im Februar 1804 gestorben war, trauerten in Königsberg auch die einfachen Leute um ihren berühmten Mitbürger, und Schelling, der als Romantiker in einem anderen Lager stand, widmete ihm einen überaus ehrenvollen Nachruf. Kant habe sich, "obgleich in hohem Alter gestorben", nicht überlebt, heißt es da. "Seine heftigsten Gegner hat er zum Teile physisch, alle aber moralisch überdauert, und das Feuer der weiter Fortschreitenden hat nur gedient, das reine Gold seiner Philosophie von den Zutaten der Zeit zu scheiden und in reinem Glanze darzustellen."


Woher diese allgemeine Ehrfurcht, die immerzu erstaunlich, in der Philosophie aber ganz ohne Beispiel ist? Warum hat Schiller mit so lebhaften Worten Kant, nachdem er ihn seinen vortrefflichen Lehrer genannt hatte, seines Danks für das "wohltätige Licht" versichert, das er in seinem Geiste angezündet habe; "eines Danks, der wie das Geschenk, auf das er sich gründet, ohne Grenzen und unvergänglich ist"? Und was hat Kleist, der ebenso empfindlich war wie Schiller, aber verletzlicher als er, in jenen Zustand tiefster Erschütterung versetzt, von dem er in einem Brief an seine Verlobte Wilhelmine von Zenge berichtet? "Wenn alle Menschen", schreibt er dort, "statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün - und wie würden Sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint." Um dann in eine persönliche Klage auszubrechen: "Ach Wilhelmine, wenn die Spitze dieses Gedanken Dein Herz nicht trifft, so lächle nicht über einen andern, der sich tief in seinem heiligsten Inneren davon verwundet fühlt. Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, und ich habe nun keines mehr."


Kant selbst hat das Grundstürzende seiner Philosophie ähnlich empfunden; die Worte, mit denen er es beschreibt, klingen aber ungleich nüchterner als die des Heinrich von Kleist. In seinem Hauptwerk, der "Kritik der reinen Vernunft", vergleicht er seine eigenen Überlegungen mit dem Grundgedanken des Kopernikus "der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fortwollte, wenn man annahm, das ganze Sternheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen und dagegen die Sterne in Ruhe ließ". Ein Wechsel der Perspektive, dessen Anwendung auf sein eigenes Gebiet, der Metaphysik, er so vornimmt: "Wenn die Anschauung sich nach der Beschaffenheit der Gegenstände richten müsste, so sähe ich nicht ein, wie man a priori (von vornherein) von ihr etwas wissen könne; richtet sich aber der Gegenstand nach der Beschaffenheit unseres Anschauungsvermögens, so kann ich mir diese Möglichkeit sehr wohl vorstellen."


Das ist die Kantsche Wende in der Erkenntnistheorie. Statt dass die Gegenstände unsere Wahrnehmung bestimmen, sind wir es, die der Außenwelt unsere Sicht der Dinge aufzwingen: "Der Verstand schöpft seine Gesetze nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor", heißt es bei Kant. Ähnlich wie Kopernikus hat er den Menschen aus seiner angemaßten Stellung im Mittelpunkt der Welt verstoßen: Das hatte Kleist richtig empfunden und beklagt. Er hat ihn dafür aber mit der Gewissheit entschädigt, das Weltgeschehen nicht nur als Zuschauer, sondern als Mitgestalter, ja als Gesetzgeber zu begleiten: Das hatte Schiller gemerkt und dankbar begrüßt. Er spürte in Kant den Befreier; und wirklich steht ja alles, was Kant in der Sache vorträgt, "unter dem Vorbehalt der Prüfung durch den Einzelnen", wie Volker Gerhardt treffend bemerkt hat.


Kants Philosophie, die er selbst mit einem etwas missverständlichen Begriff "transzendentaler Idealismus" genannt hat, war nicht bloß eine, sondern die Antwort auf die lähmende Wirkung des radikalen Empirismus englischer Herkunft. Dessen Hauptvertreter wollten alles auf die Erfahrung bauen und hatten damit ein philosophisches Debakel angerichtet. Indem sie den menschlichen Verstand auf seine wechselnden Sinneseindrücke reduzierten, waren sie bei einer radikalen Skepsis gelandet: Wir wollen zwar, doch können wir nichts sicher wissen. Kant widersprach dem mit dem Nachweis, dass die Vorstellungen von Raum und Zeit zwar alle Erfahrung bedingen, ihrerseits aber nicht auf Erfahrung zurückgeführt werden können. Als reine Vernunftbegriffe diktieren Raum und Zeit die Regeln, unter denen Erfahrung überhaupt erst möglich wird, "und belehren uns vor derselben und nicht durch dieselbe".


Seine Philosophie hat zwei Seiten, eine begrenzende und eine befreiende; und man muss beide zusammennehmen, um die dauerhafte Wirkung seines Ansatzes zu begreifen. Selbstbewusst schreibt er gegen Ende der "Kritik der reinen Vernunft", er habe es, um Rückfälle zu vermeiden, für ratsam gehalten, die Akten in dem Prozess gegen die Anmaßungen des Verstandes, der über Dinge urteilte, die zu begreifen ihm unmöglich sind, ausführlich abzufassen und sie "im Archiv der menschlichen Vernunft zur Verhütung künftiger Irrtümer ähnlicher Art niederzulegen". Da liegen sie bis heute; und haben nichts von ihrer Überzeugungskraft verloren.


An Versuchen, über Kant hinauszukommen, hat es natürlich nicht gefehlt, erfolgreich waren sie aber nie. "Die Rückseite des Spiegels" hieß der sprechende Titel eines Buches, in dem der Verhaltensforscher Konrad Lorenz Kants transzendentalen Gewissheiten entwicklungsgeschichtlich auf die Spur kommen und dergestalt die von ihm gezogenen Grenzen überwinden wollte. Herausgekommen ist dabei freilich nicht viel mehr als die Erkenntnis, dass wir, um hier im Bild zu bleiben, auch die Rückseite des Spiegels, den der menschliche Verstand darstellt, nur im Lichte der Vorderseite erkennen und untersuchen können. Auch Lorenz und seine evolutionären Erkenntnistheoretiker bleiben befangen in dem von Kant beschriebenen Zirkel. Auch sie kommen nicht umhin, sich vorab ihrer Vorstellungen über den Gegenstand ihres Interesses zu bedienen, um etwas Brauchbares über ihn aussagen zu können.


Es bleibt beim Bild vom Fischer und seinem Netz, mit dem ein englischer Physiker das Dilemma der Naturwissenschaften umschrieb. Er verglich den Naturforscher mit einem Fischer, der zum Fang seine Netze auswirft. Ob er etwas fängt und was er fängt, hängt dann nicht nur vom Zustand des Gewässers ab, sondern auch von dem seines Netzes. Die großen Fische werden es zerreißen und entkommen, die kleinen entgehen ihm ebenfalls, weil sie durch die Maschen schlüpfen, so dass er zwar nichts Falsches, aber doch immer nur etwas Vorläufiges und Bedingtes sagt, wenn er von dem, was im Netz hängen geblieben ist, auf die gesamte Fischwelt schließt. Das "Ding an sich" bleibt ihm und uns verborgen. Und Kant behält wieder einmal Recht.


Artikel erschienen am 12. Feb 2004
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