Posted by edg on June 09, 2004 at 22:37:08:
von Peter Moser [mit einem Hinweis auf einen Kommentar Peter Dörsams]
Das Problem von Kant-Biographien
Philosophen wissen im allgemeinen wenig über Kants Leben. Dass er zeitlebens Junggeselle geblieben war, dass er nie über Königsberg hinausgekommen war, dass sich seine Nachbarn die Uhr nach seinem Spaziergang richten konnten, dass er eine unterhaltsame Mittagstafel liebte, dass sein Leben sich im Philosophieren erschöpfte – damit hat es sich oft. Aber selbst diese Angaben, so stellt nun Manfred Kühn in einer eingehenden Kritik der Geschichte der Kant-Biographien im ersten Kapitel seiner eigenen detaillierten Kant-Biographie fest, stehen auf unsicherem Boden. Denn die nach Kants Tod erschienenen Biographien behandeln alle den späten Kant und geben daher ein sehr einseitiges Bild.
Bekannt sind insbesondere die zeitgenössischen Biographien von Borowski, Jachmann und Wasianski. Was man dabei übersieht: Alle drei Texte sind mit der Absicht geschrieben worden, der Nachwelt ein gutes Bild von Kants Person zu hinterlassen. Alle drei Autoren waren der Ansicht, dass es eine Reihe von Dingen in Kants Leben gab, „die nicht fürs Publikum gehören“. Was sie vorlegen, ist, so Kühn, „ganz grau in grau, die trüben Umrisse des Lebens und der Gewohnheiten eines alten Mannes, der einfach zufällig Bücher geschrieben hatte, die ihn berühmt machten“. Ein Bild, das immer noch weitgehend bestimmt, wie wir Kant sehen, das aber über die ersten 60 Jahre von Kants Leben so gut wie nichts aussagt. Alle Behauptungen über die mechanischen Regelmäßigkeiten in Kants Leben, die unser Bild von ihm prägen, registrieren in Wirklichkeit den Kant des fortgeschrittenen Alters und nichts, was für den Philosophen in seinen jüngeren Jahren von Bedeutung war.
Spätere Autoren begnügten sich damit, diese Stereotypen zu bestätigen. Hinzu kommt, dass die drei genannten Biographen Theologen waren und Kants kritische Haltung gegenüber der Religion nicht billigten. Insbesondere Borowski fiel es deshalb schwer, Kant zu loben. Seine Schrift nimmt den Charakter einer Verteidigungsschrift an: Kant war ganz anders als seine Anhänger, er war ein wirklich guter Mensch. Jachmanns Text wirft andere Probleme auf: Er ist aus der Sicht des Schülers geschrieben, der seinen Lehrer verehrt.
Kants Biographien waren also nicht der Versuch, eine unparteiische Darstellung von Kants Leben zu geben. Ihre Skizze sollte ein ganz bestimmtes Bild von Kant verbreiten: Das eines gutes und aufrechten Bürgers, der das etwas langweilige Leben eines Professors führt. Es waren denn auch diese Karikaturen, die die Romantiker zu der Vorstellung verleiteten, Kants Leben habe aus Denken und nur aus Denken bestanden. „Die Lebensgeschichte Kants ist schwer zu beschreiben“, notiert etwa Heine, „denn er hatte weder Leben noch Geschichte“, „er lebte ein mechanisch geordnetes, fast abstraktes Hagestolzenleben“. Die späteren Biographien übernahmen dieses Bild kritiklos. Noch Rudolf Malter schrieb, dass die drei Biographien die Hauptquelle für unser Wissen über Kants Leben bildeten. Und Gulyga folgte dem, wenn er in der seinerzeit sehr gelobten und jetzt neu aufgelegten Biographie schreibt, „Kant hat keine andere Biographie als die Geschichte seines Denkens“. Auch die Brüder Gernot und Hartmut Böhme sind Kühn zufolge den Stereotypen aufgesessen: Wenn sie die Züge seines Denkens als Konsequenzen eines deformierten mechanisierten Lebens sehen, ist das Leben, das sie analysieren, nicht dasjenige Kants, sondern ein von anderen zurechtgemachtes.
Was machen in dieser unbefriedigenden Situation die Autoren, die zu Kants 200. Todestag eine neue Biographie schreiben?
Manfred Kühns Meisterleistung
Manfred Kühn, Professor für Philosophie in Marburg, macht das, was ein kritischer Historiker tut: Er überprüft die vorhandenen Quellen und sucht nach neuen, bislang nicht berücksichtigten Aspekten. Mit seinem erst auf Englisch, nun in deutscher Übersetzung erschienenen Buch [Kühn, Manfred: Kant. Eine Biografie. 640 S., Ln. 2003/EUR 29,90] ist ihm in dieser Hinsicht eine Meisterleistung gelungen. Kants Leben und Denken wird, eingebettet in das intellektuelle Leben der damaligen Zeit, so weit wie möglich minutiös rekonstruiert und das auf eine interessante, trotz der vielen Fakten nicht ermüdende Art: die Lektüre ist ein Genuss. Kühn räumt dabei gründlich mit der gängigen Vorstellung auf, Kant habe kein Leben gehabt, sich nur für seine Arbeit interessiert. „Der elegante Magister“, lautet die Überschrift eines der Kapitel.
Einen entscheidenden Grund für Kants Wandel vom Lebemann zum zurückgezogenen Philosophen sieht Kühn in Kants Bekanntschaft mit dem englischen Kaufmann Joseph Green. Dieser lebte nach strengen Maximen bzw. Regeln. Green war der angesehenste Kaufmann der englischen Kolonie in Königsberg und führte gleichzeitig das Leben eines Gelehrten. Die Beziehung zwischen Kant und Green war sehr eng, „die Wirkung, die Green auf Kant ausübte, lässt sich gar nicht hoch genug veranschlagen“ (Kühn). Dass man sich nach Kants Spaziergang die Uhr stellen konnte, hing wohl weniger von Kant als von Green ab: Kant beendete jeweils um sieben Uhr seinen Besuch bei Green und kehrte nach Hause zurück - und das auf die Minute genau.
Ein Leben wie dasjenige Kants, das zwischen Kühnheit und peniblem Tagesgeschäft nicht vom Fleck komme, mit Geduld und Kennerschaft zu beschreiben, sei ein Kunststück. Kühn sei dies nicht nur gelungen, schreibt Otto A. Böhmer zu Recht in seiner Besprechung in der Zeit, er setze auch eigene Maßstäbe. Es sei, so pflichtet ihm Gustav Falke in der Frankfurter Allgemeinen bei, die beste Kant-Biographie. Kritisch urteilt Christine Pries in der Frankfurter Rundschau, Kühn sehe nicht nur den Fachphilosophen als Leser, sondern einen weiten Leserkreis, und letzteres sei ihm gründlich misslungen. Denn Kants Person erschließe sich – trotz mancher großartiger Passagen – dem Leser nicht. Dasselbe gelte für die Darstellung: die Inhaltsangaben zu den Hauptwerken seien so krude geraten, dass sie sogar den Spezialisten ärgern dürften. Positiv urteilt hingegen Dieter Wittich im Neuen Deutschland, dem Autor sei eine enge Verschränkung von Lebens- und Werkgeschichte gelungen, die das Prädikat „meisterhaft“ verdiene. Ein Lob auch dem Übersetzer für seine gute Arbeit.
Kant als Universitätsangehöriger
Steffen Dietz, Philosophieprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin, geht in seiner Biographie von den jüngsten Forschungen über die Universität von Königsberg aus. Er war Mitarbeiter einer entsprechenden Forschungsgruppe, und sein Buch [Dietzsch, Steffen: Immanuel Kant. Eine Biographie. 368 S., Ln., € 24.90, 2003, Reclam, Leipzig] bietet eine Schilderung des Königsberger Universitätsleben aus erster Hand. Allerdings wird der Leser, der sich für Kants Leben und Werk interessiert, enttäuscht werden: das Buch „ist eher eine Kulturgeschichte Königs- bergs als eine Biographie“ (so Christine Pries in ihrer Besprechung). Angesichts der vielen detaillierten Informationen über das intellektuelle Leben in Königsberg zu Kants Zeit (besonders hervorzuheben ist ein Kapitel über die Situation der Juden in Königsberg) kommt insbesondere Kants Werk zu kurz. Das Buch ist denn auch von den hier genannten das schwächste.
Kant als Revolutionär
Von den beiden genannten Bücher, in denen Kants Leben im Vordergrund steht, unterscheidet sich [Geier, Manfred: Kants Welt. Eine Biogra- phie. 352 S., € 24,90, 2003, Rowohlt, Reinbek] Geier geht es vor allem darum geht, Kants Werk verständlich zu machen und für diesen zu werben. Sein Buch ist wohl als einziges der hier besprochenen geeignet, einen breiten Leserkreis für Kant wenn nicht zu begeistern, so doch zu interessieren. Der Titel des Buches, „Kants Welt“ erinnert denn auch mit Absicht an „Sophies Welt“.
Geier ist ursprünglich Linguist, hat aber u. a. Einführungen zum Wiener Kreis und zur Philosophie Poppers geschrieben. Er übernimmt Poppers These, dass es Probleme seien, die die Philosophen beschäftigen, und dass man sich zu deren Verständnis mit den jeweiligen Problemen auseinandersetzen muss. So führt er von Kants Problemstellungen in das Werk ein, eine detailgetreue und philologisch korrekte Interpretation ist seine Sache nicht. Er geht vielmehr vom heutigen Leser und seinem Wortschatz aus und versucht dem Leser Kant von der modernen Terminologie her verständlich zu machen.
Wie Popper liebt Geier revolutionäres Denken. Er geizt nicht mit überschwenglichen, wenn auch wenig informativen Bewertungen. Von Kants Naturgeschichte und Theorie des Himmels schreibt er nacheinander, es sei „ein geniales Jugendwerk“, ein „epochales Werk“, eine „Sternstunde in der Geschichte der Kosmologie“, es sei ein Meisterwerk, mit dem sich Kant in der Geschichte der Kosmoslogie eingeschrieben habe. Kant habe damit eine naturphilosophische Großtat vollbracht, er stehe auf den „Schultern Isaac Newtons“, ja sogar, er habe sein Werk mit einer „gottähnlichen Geste“ entworfen. Der Leser wird den Eindruck gewinnen, dieses Buch müsse von der Bedeutung her der Kritik der Vernunft mindestens ebenbürtig sein. Das Epochale sieht Geier darin, dass Kant das durch Mandelbrot bekannt gewordene „kosmische Fraktal“ „bereits 1755 als Idee gedacht“ habe: dass im jeweils Größeren das gleiche systematische Muster wie im Kleineren herrscht und das dieses durch rekursive Funktionen berechenbar sei. Kant habe, so Geier, eine kosmische Welt ohne Grenzen entworfen, deren Idee sich allein durch eine fraktale Selbstähnlichkeit zwischen den ersten Teilen und dem Ganzen denken lässt. Was aber das genau heißt, bleibt offen. Otto A. Böhmers Diktum, man brauche Kant, um ihn zu schätzen, nicht unentwegt hochleben zu lassen, trifft hier ins Schwarze.
Geiers Buch ist dadurch, dass es sich auf das Revolutionäre in Kant konzentriert, einseitig. Viele geistesgeschichtlich interessante Faktoren – etwa Kants Beziehungen zu Herder und Hamann, seine Rousseau-Lektüre – fallen unter den Tisch. Andererseits kann er sich dadurch darauf konzentrieren, Kants grundlegende Gedanken in einer modernen, nicht durch philologische Ängstlichkeiten geprägten Weise für ein breiteres Publikum deutlich zu machen. Geier ist auch der einzige, der Kants naturwissenschaftliches Anliegen ernst nimmt.
Die Rezensenten sind einhellig der Meinung, dass Geiers Buch das „spannendste“ (Peter Dörsam) und für ein größeres Publikum das geeignetste sei. Allerdings zahle er, so Dörsam in seiner Internet-Besprechung (www. wirklich.de), dafür einen Preis: Er verschliesse sich Kants Begrifflichkeit. Laut Dörsam kommt der Begriff „Transzendentalität“ in dem Buch einmal, der Begriff „synthetisches Urteil a priori“ gar nicht vor. Dass empirische Fragen und Begründungsfragen nicht auseinander gehalten werden, führe dann zu Fehldeutungen.
Geiers Buch sei „zweifellos das lebendigste“ der drei Biographien, ein „glänzend geschriebenes Buch“, schreibt Christine Pries in der Frankfurter Rundschau. Er sehe, was für eine Biographie eigentlich selbstverständlich sein sollte, Kant mit einem Blick aus der Gegenwart. Und der Enthusiasmus, mit dem Geier bei der Sache sei, springe auf den Leser über. Der Vorzug dieses Buches, so H. D. Kittsteiner in der Berliner Zeitung, sei ein klarer Grundriss. Insbesondere komme hier auf seine Kosten, wer sich für die Naturwissenschaften interessiere.
Die meisten Rezensenten sehen es übrigens als eine Art Befreiung, dass Kant in allen der drei Biographien keineswegs als der allen weltlichen Freuden abgeneigte Gelehrte, als den ihn Heine beschrieben hatte, gesehen wird.
Altbewährt
1965 hatte Uwe Schultz in der beliebten Reihe rororo-monographie sein Bändchen über Kant veröffentlicht. Generationen von Studierenden haben sich damit ihr erstes und vielfach auch prägendes Wissen über Kant erworben. Doch die Problematik der Kant-Biographien, wie sie Kuhn dargestellt hat, trifft diese Schrift am meisten: Schultz hat unkritisch das übernommen, was Zeitgenossen des späten Kant über dessen frühere Lebensperioden niedergeschrieben haben.
Im Hinblick auf Kants Todestag hat Schultz sein Buch überarbeitet, erweitert und nicht zuletzt auch der neuen Rechtschreibung angepasst:
Schultz, Uwe: Immanuel Kant. 188 S., kt., mit vielen farbigen Abbildungen, € 8.50, rororo-monographie 50659, 2003, Rowohlts Taschenbuchverlag, Reinbek.
Schultz trennt Biographie und Werk. In seiner Darstellung von Kants Schriften gelingt es ihm, die Sache auf den Punkt zu bringen. Und neben dem günstigen Preis sprechen auch die vielen farbigen Abbildungen für dieses Bändchen als eine erste Einführung in Kant.
Kant als führender Gegenwartsphilosoph
Von den bisher vorgestellten Büchern unterscheidet sich die Monographie
Höffe, Otfried: Kants Kritik der reinen Vernunft. Die Grundlegung der modernen Philosophie. 378 S., Ln, € 24.90, 2003, C.H. Beck, München.
als es sich hier nicht um eine Biographie handelt, sondern um die theoretische Philosophie Kants und im speziellen dessen Hauptwerk, die Kritik der reinen Vernunft.
Höffes Buch bietet zweierlei: zum einen eine Darstellung der in der KrV vertretenen Positionen, zum anderen eine kritische Auseinandersetzung der Philosophie Kants mit den Gegenwartsströmungen der Philosophie. Höffe geht es um eine systematische Erschließung der KrV und eine Auseinandersetzung mit den wesentlichen Theoremen Kants. Es ist eine Rekonstruktion von Kants Erkenntnistheorie, die meisterhaft zwischen den modernen Termini etwa der analytischen Philosophie und denjenigen Kants wechselt und so Kant etwa Studierenden, die von der analytischen Philosophie kommen, schmackhaft macht. So pflege Kant „ein analytisches Philosophieren, ohne es für das Ganze der Philosophie zu halten“. Höffe geht auch auf wichtige Sekundärliteratur (nicht nur der Gegenwart) und insbesondere deren Kant-Kritik ein: Sie wird von Höffe oft kritisiert und Kant gegen sie verteidigt.
Höffe zieht bei seiner Darstellung gelegentlich Zwischenbilanz und fragt, was denn von dem Vorgetragenen noch haltbar sei. Meist kommt er zu dem Schluss, dass sich Kants Position, wo sich dieser nicht zu stark an den Stand der damaligen Wissenschaft bindet, auch heute nicht nur vertretbar, sondern oftmals sogar der gegenwärtigen Philosophie überlegen sei. In vielem hat Kant Neuerungen des 20. Jahrhunderts vorweggenommen, etwa die Kritik an der Abbildtheorie von Sprache und Wirklichkeit und die These, dass Erkenntnis regelgeleitet ist. Andere wichtige Modernisierungen Kants sind in Vergessenheit geraten: In der Erkenntnistheorie folgt man oft einem vorkritischen Empirismus, und in der Leib-Seele-Debatte arbeitet man sich noch immer an Descartes Dualismus ab, obwohl Kant beide überwunden hat.
Auch gegen zwei gegenwärtige Gefahren kann uns Kant helfen: einerseits gegen die Übernahme philosophischer Themen durch die Kognitionswissenschaften, andererseits gegen die Naturalisierung der Erkenntnistheorie wie auch gegen den pathetisch inszenierten Abschied von der Vernunft. Dazu muss man aber Kant mit zwei paar Augen lesen: mit den „unschuldigen Augen“ von damals und mit den „wissenden und besserwissenden Augen“ von heute.
Höffes Kommentar sei glänzend gelungen, schreibt der Hegelianer Gustav Falke in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Falke haben insbesondere Höffes Darlegungen imponiert, inwieweit Kants Systematik den neuesten naturwissenschaftlichen Entdeckungen standhält, inwieweit sie revidiert werden muss und was sie zu ihrer Erhellung beiträgt: „Man kann sich einen philosophischen Kant-Kommentar überhaupt nicht besser vorstellen, denn hier wird gleichzeitig der historischen Lektüre aufgeholfen und gegenwärtige Philosophie betrieben.“ Der Schriftsteller Otto A. Böhmer ist in der Zeit der Meinung, Höffes Buch dürfe sich auf längere Sicht als die maßgebende Interpretation der KrV erweisen. Sie unterziehe sich der „Anstrengung des Begriffs“, die Kants Kollege Hegel einfordere, und halte zugleich Abstand „von jenem Fachjargon, mit dem eine in Bedrängnis geratene Philosophie auf ungute Weise ihre wissenschaftliche Kompetenz zu unterstreichen“ suche. Einspruch erhebt dagegen Höffes Kollege Reinhard Brandt in der Neuen Zürcher Zeitung. Sein Vorwurf: Höffes Rekonstruktion sei zwar korrekt, aber doch zu sehr vereinfachend. Er zeigt dies an Höffes Darstellung der Raum-Theorie Kants, in der vieles, was für Kant wichtig sei, wegfalle.
Kant als Weltweiser
Einen anderen Zugang zu Kant bietet der an der Humboldt-Universität zu Berlin lehrende Volker Gerhardt in seinem Buch
Gerhardt, Volker: Immanuel Kant. Vernunft und Leben. 381 S., kt., € 8.60, 2002, Reclam Universal Bibliothek 18235 Reclam, Stuttgart.
Zwar rekonstruiert auch er Kants Philosophie und paraphrasiert nicht einfach dessen Werk, aber er nimmt den Weg über den existenziellen Charakter des Philosophierens, über die Philosophie als „Weltweisheit“. Und er will damit, wie der Untertitel des Buches anzeigt, die These vertreten, dass Kant den Begriff des Lebens braucht, um jenen der Vernunft verständlich zu machen. Umgekehrt brauche Kant den Begriff der Vernunft, um dem Leben einen Grund in sich zu geben. Und in Kants Leben haben wir laut Gerhardt ein Dasein, das sich nicht nur der Analyse der Vernunft gewidmet, sondern sich auch deren Anspruch unterworfen hat. Kant habe das Programm eines entschiedenen philosophischen Individualismus aufgestellt, der nur durch den sachlichen Gehalt der Einsichten und durch die existenzielle Verbindlichkeit des Lebens gezügelt werden kann.
Damit ist die Interpretationsperspektive gegeben, in der sich Gerhardts „neuer Zugang zu Kant“ bewegt. Gerhardt will also explizit nicht Kant aus Sicht des neuesten Forschungsstandes (wenn es denn so etwas geben sollte) zeigen, sondern sich auf die zentralen Lehrstücke Kants konzentrieren und diese auf eine neue Art interpretieren. Sein Verfahren dabei ist, wie er es nennt, das einer „argumentierenden Nacherzählung“ bzw. einer „narrativen Rekonstruktion“, die Kants Einsichten aus seinem historischen und systematischen Umfeld verständlich machen will und sowohl Kants Begriffe wie auch die Begriffe der Gegenwartssprache verwenden will.
Wenn Höffe in seinem Buch Kant für die Gegenwartsphilosophie stark machen will, dann tut dies Gerhardt gewissermaßen für den Gebrauch im Leben, für die Suche nach Weisheit, indem er Kant als einen „Weltweisen“ darstellt. Damit werden bisher wenig beachtete Tendenzen Kants sichtbar. Die Hauptschriften Kants werden anhand der berühmten vier Fragen Kants systematisch interpretiert, wobei für Gerhardt die Frage „Was ist der Mensch?“ die zentrale ist.
Wie Höffe macht sich auch Gerhardt für Kant stark – natürlich für seine Philosophie, aber – und da unterscheidet er sich von vielen seiner Kollegen, die dessen Leben Heine folgend als einförmig missachten - auch für Kants Leben als Philosoph, für Kants gelebte Philosophie. Gerhardt sieht Kant als einen Abenteurer, als einen Abenteurer der Erkenntnis. Kann es denn, so fragt Gerhardt, etwas Spannenderes geben als nach Erkenntnis zu suchen?
Auch Gerhardts Buch enthält – auf einzelne Kapitel verteilt – eine Biographie, die sich durchaus mit den eingangs genannten Biographien messen kann (mit Ausnahme derjenigen Kühns, an der sich Gerhardt selbst orientiert). Auch in stilistischer Hinsicht ist das Buch besser als einige der eingangs genannten Biographien. Nicht zuletzt der Bezug zum Begriff Leben und die Orientierung an den vier Fragen machen das Buch auch für Philosophie- und Ethiklehrer interessant. Allerdings ist Kants Werk bedingt durch Gerhardts Interpretationslinie etwas einseitig beleuchtet. Für vor allem naturphilosophisch oder erkenntnistheoretisch orientierte Leser gibt es aber genügend andere Zugänge zum Werk Kants.
Wolfgang Schneider hat in der Welt geschrieben, Gerhardt beherrsche die Kunst der Klärung und Verdeutlichung. Nur werde manchmal seine Manier der einfachen Sätze und der kurzen, durchnummerierten Kapitel (ein Markenzeichen Gerhardts) ein wenig penetrant, wenn sie dem Leser die Zusammenhänge allzu plakativ vorbuchstabiert.