Posted by Henning on June 14, 2004 at 00:37:04:
In Reply to: wo ist eine objektive Wirklichkeit posted by Alban on June 08, 2004 at 00:38:57:
Hallo Alban,
wir kämpfen mit einem der Probleme der Philosophie überhaupt: den Begriffen. Mir scheint, unser Disput erwächst aus der Unklarheit darüber, was wir meinen, und nicht in erster Linie aus Differenzen in der Sache.
In Ihrem Eintrag haben Sie postuliert, dass es "keine objektive Wirklichkeit gibt". "Geben" habe ich mit "Existieren" gleichgesetzt. Das "objektiv" in dem Satz erschien mir überflüssig, weil die Existenz einer Sache an sich stets nur objektiv sein kann, subjektiv sind nur unsere Wahrnehmungen davon. "Wirklichkeit" ist für mich "alles", darauf habe ich schon hingewiesen. Folglich lautete Ihr Eintrag: Nichts existiert - und das wollte ich nicht stehen lassen, wo schon dieser Disput Beweis des Gegenteils ist.
Auch Sie selbst gehen ja offenbar von einer Wirklichkeit aus, sogar noch von einer höheren, die für uns Menschen nicht erkennbar ist:
"Jenseits dieser Welt ist eine Welt die ich, die du und die jeder kennt." Nur diese Welt "verdient" Ihrer Meinung nach den Namen "Wirklichkeit". Nun habe ich aber allergrößte Bedenken dabei, in die Definition eines Begriffes wertende Gesichtspunkte einzubeziehen, also danach zu gehen, ob eine Sache eine bestimmte Bezeichnung aufgrund ihrer Hochwertigkeit "verdient". "Wirklichkeit" ist für mich eben alles, was auch das Böse umfasst, aber auch - sofern es sie gibt - diese höhere, bessere Stufe des Seins. Dass dieses hier nicht existiert, gebe ich gerne zu: Einem Satz wie "Das Paradies existiert auf Erden nicht" würde wohl jeder ohne langes Zögern zustimmen.
Ich kann nur erneut darauf verweisen, dass Ihr Anliegen offenbar ist, dass für uns subjektiv die objektive Wirklichkeit unerkennbar bleibt. Ich entnehme dies folgender Passage:
"Meine ganze Wahrnehmung ist in meinem Geist und alle Gedanken, die Sie äußern, sind immer in meinem Geist. Wer ist der, der es wahrnimmt? Für mich sind Sie ein Gedanke in meinem Geist, für Sie bin ich ein Gedanke in Ihrem Geist, doch welcher Geist ist der befragte?"
Darüber, dass wir eben nicht alles gleich wahrnehmen durch die Sinne und auch im Geiste nicht dasselbe denken, dass es Streit darüber gibt und dass uns die Wirklichkeit im Ganzen somit verschlossen bleibt, darüber sind wir uns - so denke ich - einig. Eine zweite Frage wäre, ob dies auf ewig so bleiben muss. Und eine weitere Frage, diejenige, die Sie offenbar am meisten bewegt, scheint mir die zu sein, ob diese Wirklichkeit wirklich alles ist. Ihnen erscheint dieses "Universum mit unendlich vielen Körpern, die alle unabhängig von mir agieren oder existieren" sehr unbefriedigend zu sein und Sie beziehen sich auf die höherwertige Welt, das Paradies, an das die Christen glauben. Ob es dies nun gibt, kann ich Ihnen natürlich nicht beantworten. Auch wenn man sich ja nicht auf Autoritäten beziehen soll - Kant schrieb in der "Kritik der reinen Vernunft", dass der Beweis für oder gegen die Existenz eines Gottes nicht zu führen sei. Und es ist mir nicht gelungen, ihn zu widerlegen...
Also fällt mir zu ihren Äußerungen nur etwas Pragmatisches ein: Der Verweis darauf, dass diese Welt gar nicht so schlecht ist, wie sie uns manchmal scheint. Denn das Universum aus vielen unabhängigen Körpern bedeutet für diese eben auch Freiheit, wenngleich in den durch "ihre" Wirklichkeit gesetzten Grenzen. Auch wenn es so viel Böses gibt: So mancher Grund dafür, weshalb ein Gott solch eine Art Leben schaffen können wollte, kommt mir doch. Und darüber hinaus kann man Gott auch aus praktischen Erwägungen in sein Weltbild einbeziehen (siehe Kants Kritik der praktischen Vernunft).
Man kann auch an ihn glauben.
Henning Thomas