Posted by Alban on July 12, 2004 at 07:45:27:
Lieber Peter,
ich möchte ein paar Gedanken zu Deinen einleitenden Worten ?Über die Bedeutung der Wirklichkeit? vortragen. Über jede Antwort freue ich mich.
Du schreibst in dem Abschnitt ?Das Argument?:
?Wenn Nichtwirkliches kein Wirkliches mehr wäre, müßte Wirklichkeit hinterfragbar sein. Welche Möglichkeit aber haben wir, die Wirklichkeit der Wirklichkeit so zu hinterfragen, daß dabei auf etwas Bezug genommen werden könnte, das hinter der Wirklichkeit überhaupt liegt, weil es glaubhafter Weise wirklicher ist als die Wirklichkeit??
Ich denke, ob glaubhafter Weise wirklicher oder nicht, es wird immer unmöglich bleiben. Die Möglichkeit von einem hinter der Wirklichkeit Seienden bleibt ein Gedankenspiel. Ich denke immer, wir machen den Fehler, dass wir vor die Wirklichkeit alles mögliche aus dem Kreuz und Quer unserer Gedanken stellen und dann vergessen, dass wir der Projektor dieses Vorgestellten sind und nicht mehr dieses Vorgestellte als das sehen, was es ist ? Nichtwirkliches oder Unwirkliches, das keine Wirklichkeit haben kann, weil es nur eine Wirklichkeit gibt. Wir sehen es nicht mehr als Unwirkliches an, weil wir selbst Teil dieses Vorgestellten geworden sind und uns mit ihm identifizieren: mit dem Körper als Teil dieses Vorgestellten, der zusammen mit dem Bild, das ihn umgibt unsere Identität bildet. Insofern verstehe ich deine These nicht, warum die Wirklichkeit hinterfragbar wäre, wenn Nichtwirkliches kein Wirkliches mehr wäre. Meine These ist, dass Wirklichkeit in keiner Beziehung zu Körpern jeglicher Art stehen kann. Nichts Wirkliches kann bedroht werden. Wenn dem so wäre, wäre das Argument der Nichthinterfragbarkeit verletzt, nicht wahr? Die Idee von einem zerstörbaren Wirklichem wäre nicht vernünftig haltbar.
Du schreibst weiter,
?... der Proponent der These, die Wirklichkeit sei nicht mehr hinterfragbar, [trägt] die Beweislast dafür, was mit dem Wort "Wirklichkeit" in einem intersubjektiv evidenten Sinn gemeint ist, wenn diese nicht mehr hinterfragbar sein soll. Denn als unhinterfragbar kann alles überhaupt und dementsprechend auch nichts eindeutig Bestimmtes vorgestellt oder unterstellt sein, wenn nicht zugleich genau angegeben werden kann, was in einem spezifischen Sinn mit "Wirklichkeit = Alles" gemeint ist. Wenn "Wirklichkeit" nicht mehr hinterfragbar ist, dann muß auch zugleich angegeben werden können, als was "Wirklichkeit" nicht mehr hinterfragbar ist, wenn die Behauptung überhaupt eine sein soll, weil sie auf etwas Bestimmtes bezogen werden kann.?
Ich meine Worte, die Welt der Wahrnehmung und alle ihre Subjekte werden immer scheitern müssen, die Wirklichkeit innerhalb der Wahrnehmung zu fassen. Sie können sie nicht im geringsten fassen. Dies beruht auf folgendem Gedanken, den ich als Antwort auf deine Frage nach der Bestimmung der Wirklichkeit in einem spezifischen Sinn aufstelle. Wirklichkeit kann nur sein, was mich ungeachtet jeglicher Definition und Identität in der Wahrnehmung vollständig mit einschließt, und damit auch jedes andere Subjekt scheinbar außerhalb von mir. Andernfalls wird es immer etwas geben, was diese Wirklichkeit aus ?seiner Wirklichkeit? hinterfragen kann und auch tatsächlich infragestellt. Diese Wirklichkeit kann also nur eine universelle Erfahrung sein, etwas, ?das einer Einheit entspricht?, wie Du schreibst. Es muss die Einheit selbst sein. Jegliche Verwendung von Symbolen setzt mich ab von dieser Wirklichkeit, setzt ein anderes voraus. Wirklichkeit ?in einem intersubjektiv evidenten Sinn? kann nur eine Erfahrung unbeschränkter Kommunikation sein, die jenseits der durch die Idee von Raum und Zeit gegebenen Begrenzungen und damit der Bindung an die Lichtgeschwindigkeit auf deine Teilnahme wartet, die nur individuell vollzogen werden kann.
Du schreibst weiter,
?Wirklichkeit, die nicht mehr hinterfragbar ist, meint alles das, was unser Vorstellungsvermögen von Wirklichem konstituiert. Was überhaupt für uns wirklich werden kann, ist etwas Bestimmtes, das einer Einheit entspricht. Als Inbegriff dieser Einheit setzen wir einmal die Welt als den Ort der Wirklichkeit, denn ohne sie wüßten wir überhaupt nicht, wovon überhaupt zu sprechen sei.?
Einwand: Wissen wir, wovon wir sprechen, wenn wir von der Welt sprechen? Wo bist du jetzt? Bist du Teil der Welt? Was ist die Welt jetzt für dich oder für mich, wenn ich plötzlich von der Bildfläche verschwinde? Was ist mit dem Universum in 50 Milliarden Jahren, was war mit der Welt vor dem Urknall? Wird unsere Idee von der Welt der Wirklichkeit gerecht? Mit Sicherheit nicht, wenn wir einen Zeitraum von 50 Milliarden Jahren in Betracht ziehen. Daher kann sie kaum als wahr gelten und nicht als Ort der Wirklichkeit dienen. Wirklichkeit muss mit Sicherheit nicht Menschen kennen, die über sie sprechen, um wirklich zu sein. Was ist, ist, unabhängig von jeglichem Sprechen. Der Ort der Wirklichkeit ist der Geist, und seine Gedanken sind entweder in Übereinstimmung mit seiner Wirklichkeit oder sie erfinden eine Spaltung, die einen gespaltenen Geist in einem Körper möglich werden lässt.
Wenn wir die Wirklichkeit als den Raum alles Möglichen definieren, so werden wir als Menschen in unserer Vorstellung als wirkliche Wesen aufgehoben, weil wir auf der Idee beruhen, dass dieser Raum allen Möglichen getrennt sein und Gegensätze umfassen kann, die wir dennoch als gleichermaßen wahr akzeptieren. Da dies eine Unmöglichkeit darstellt, sind wir unmöglich. Wir sind der Selbstwiderspruch. Wir sind das Unwirkliche, das niemals existierte und über die Wirklichkeit verhandeln zu können glaubt.
Nichts Wirkliches kann bedroht werden.
Nichts Unwirkliches existiert.
Hierin ist unsere gemeinsame und unhintergehbare Wirklichkeit, ein Imperativ, eine Unausweichlichkeit, zu der wir alle zurückkehren müssen.
Hierin liegt der Frieden Gottes.
Herzliche Grüße
Alban