Meister Eckhart: Eins, Sein, NIchts, Gott[heit]


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Posted by gil on July 13, 2004 at 22:22:40:

In Reply to: über die Bedeutung der Wirklichkeit posted by Alban on July 12, 2004 at 07:45:27:

Daher soll deine Seele allen Geistes bar sein, soll geistlos dastehen. Denn, liebst du Gott, wie er Gott, wie er Geist, wie er Person und wie er Bild ist, - das alles muss weg. ‚Wie denn aber soll ich ihn lieben?‘ – Du sollst ihn lieben wie er ist ein Nicht-Gott, ein Nicht-Geist, eine Nicht-Person, ein Nicht-Bild, mehr noch: wie er ein lauteres, reines, klares Eines ist, abgesondert von aller Zweiheit. Und in diesem Einen sollen wir ewig versinken vom Etwas zum Nichts. Dazu verhelfe uns Gott. Amen. (Meister Eckehart -Deutsche Predigten und Traktate-, Josef Quint, Diogenes Taschenbuch 20642, Zürich 1979, Predigt 42, S. 355.) [Kursive Hervorhebungen und runde Klammerzusätze in allen nachfolgenden Eckehart-Zitaten: J. Quint]

Nein, der Tempel muss ledig und frei sein, wie das Auge frei und leer sein muss von allen Farben, soll es Farbe sehen. Alle jene Bilder und Vorstellungen aber sind der Balken in deinem Auge. Drum wirf sie hinaus, alle Heiligen und Unsere Frau aus deiner Seele, denn sie alle sind Kreaturen und hindern dich an deinem großen Gott. Ja, selbst deines gedachten Gottes sollst du quitt werden, aller deiner doch so unzulänglichen Gedanken und Vorstellungen über ihn wie: Gott ist gut, ist weise, ist gerecht, ist unendlich: Gott ist nicht gut, ich bin besser als Gott; Gott ist nicht weise, ich bin weiser als er, und Gott ein Sein zu nennen, ist so unsinnig, wie wenn ich die Sonne bleich oder schwarz nennen wollte. Alles, was du da über deinen Gott denkst und sagst, das bist du mehr selber als er, du lästerst ihn, denn, was er wirklich ist, vermögen alle jenen weisen Meister in Paris nicht zu sagen. Hätte ich auch einen Gott, den ich zu begreifen vermöchte, so wollte ich ihn niemals als meinen Gott erkennen. Drum schweig und klaffe nicht über ihn, behänge ihn nicht mit den Kleidern der Attribute und Eigenschaften, sondern nimm ihn „ohne Eigenschaft“, als er „ein überseiendes Sein und eine überseiende Nichtheit“ ist in seinem „Kleidhaus“, in der stillen „Wüste“ seiner Gottheit namenlos. (s.o. Quint, 1979, S. 30)

Ehe es noch Sein gab, wirkte Gott; er wirkte Sein, als es Sein noch nicht gab. [...] Ich würde etwas ebenso Unrichtiges sagen, wenn ich Gott ein Sein nennte, wie wenn ich die Sonne bleich oder schwarz nennen wollte. Gott ist weder dies noch das. (s.o. Quint, 1979, Pr. 10, S. 196)

Was Sein hat, Zeit oder Statt, das rührt nicht an Gott; er ist darüber. (s.o. Quint 1979, Pr. 10, S.195)

Nichts hindert die Seele so sehr an der Erkenntnis Gottes wie Zeit und Raum. Zeit und Raum sind Stücke, Gott aber ist Eines. Soll daher die Seele Gott erkennen, so muss sie ihn erkennen oberhalb von Zeit und Raum; denn Gott ist weder dies noch das, wie diese (irdischen) mannigfaltigen Dinge (es sind): denn Gott ist Eines.
Soll die Seele Gott sehen, so darf sie auf kein Ding in der Zeit sehen; denn solange die Seele der Zeit oder des Raums oder irgendeiner Vorstellung dergleichen bewusst wird, kann sie Gott niemals erkennen. Wenn das Auge die Farbe erkennen soll, so muss es vorher aller Farbe entblößt sein. Soll die Seele Gott erkennen, so darf sie mit dem Nichts nichts gemein haben. Wer Gott erkennt, der erkennt, dass alle Kreaturen (ein) Nichts sind. Wenn man eine Kreatur gegen die andere hält, so scheint sie schön und ist etwas; stellt man sie aber Gott gegenüber, so ist sie nichts. (s.o. Quint 1979, Pr. 36, S. 325)

»Paulus stand auf von der Erde, und mit offenen Augen sah er nichts.« Ich kann nicht sehen, was Eins ist. Er sah nichts: das war Gott. Gott ist ein Nichts, und Gott ist ein Etwas. Was etwas ist, das ist auch nichts. Was Gott ist, das ist er ganz. Daher sagt der erleuchtete Dionysius, wo immer er von Gott schreibt: Er ist (ein) Über-Sein, er ist (ein) Über-Leben, er ist (ein) Über-Licht. Er legt ihm weder dies noch das bei, und er deutet (damit) an, dass er (irgend etwas) ich weiß nicht was sei, das gar weit darüber hinaus liege. Siehst du irgend etwas oder fällt irgend etwas in dein Erkennen, so ist das Gott nicht; eben deshalb nicht, weil er weder dies noch das ist. Wer sagt, Gott sei hier oder dort, dem glaubet nicht. (s.o. Quint, 1979, Pr. 37, S. 331)

Wollte ich Gott ansehen mit meinen Augen, mit jenen Augen, mit denen ich die Farbe ansehe, so täte ich gar unrecht daran, denn dieses (Schauen) ist zeitlich; nun ist aber alles, was zeitlich ist, Gott fern und fremd. Nimmt man Zeit, und nimmt man sie auch nur im Kleinsten, im »Nun«, so ist es (doch noch) Zeit und besteht in sich selbst. Solange der Mensch Zeit und Raum hat und Zahl und Vielheit und Menge, so ist er gar unrecht daran und ist Gott ihm fern und fremd. (s.o. Quint, 1979, Pr. 11, S. 205)

Ich sagte einst, dass Gott die Welt jetzt erschafft, und alle Dinge sind gleich edel in diesem Tage. Würden wir sagen, dass Gott die Welt gestern oder morgen erschüfe, so würden wir uns töricht verhalten. Gott erschafft die Welt und alle Dinge in einem gegenwärtigen Nun, und die Zeit, die da vergangen ist vor tausend Jahren, die ist Gott jetzt ebenso gegenwärtig und ebenso nahe wie die Zeit, die jetzt ist. (s.o. Quint, 1979, Pr. 11, S. 206)

Auch hätte Gott die Welt nie geschaffen, wenn Geschaffen-sein nicht mit Erschaffen eins wäre. Drum: Gott hat die Welt in der Weise geschaffen, dass er sie immer noch ohne Unterlass erschafft. Alles, was vergangen und was zukünftig ist, das ist Gott fremd und fern. (s.o. Quint, 1979, Reden d. Unterw., S. 125)

Ich lasse das erste und das letzte Wort beiseite und spreche von dem zweiten: dass Gott etwas ist, das notwendig über dem Sein sein muss. Was Sein hat, Zeit oder Statt, das rührt nicht an Gott; er ist darüber. Gott ist (zwar) in allen Kreaturen, sofern sie Sein haben, und ist doch darüber. Mit eben dem, was er in allen Kreaturen ist, ist er doch darüber; was da in vielen Dingen Eins ist, das muss notwendig über den Dingen sein. Etliche Meister meinten, dass die Seele nur im Herzen sei. Dem ist nicht so, und darin haben große Meister geirrt. Die Seele ist ganz und ungeteilt vollständig im Fuße und vollständig im Auge und in jedem Gliede. Nehme ich ein Stück Zeit, so ist das weder der heutige Tag noch der gestrige Tag. Nehme ich aber das Nun, so begreift das alle Zeit in sich. Das Nun, in dem Gott die Welt erschuf, das ist dieser Zeit so nahe wie das Nun, in dem ich jetzt spreche, und der jüngste Tag ist diesem Nun so nahe wie der Tag, der gestern war. (s.o. Quint 1979, Pr. 10, S.195)

Die Seele hat etwas in sich, ein Fünklein der Erkenntnisfähigkeit, das nimmer erlischt, und in dieses Fünklein als in das oberste Teil des Gemütes verlegt man das »Bild« der Seele. Nun gibt es aber in unseren Seelen auch ein auf äußere Dinge gerichtetes Erkennen, nämlich das sinnliche und verstandesmäßige Erkennen, das ein Erkennen in Vorstellungsbildern und in Begriffen ist und das uns jenes (Erkennen) verbirgt. (s.o. Quint, 1979, Pr. 35, S. 318)

...dies Fünklein ist Gott so verwandt, dass es ein einiges Eines ist, unterschiedslos, das (doch) die Urbilder aller Kreaturen in sich trägt, bildlose und überbildliche Urbilder. (s.o. Quint, 1979, Pr. 23, S. 258)

Das »Zwei-Eine« aber ist ein brennender Geist, der da über allen Dingen und (doch noch) unter Gott steht am Umkreis der Ewigkeit. Der ist Zwei, weil er Gott nicht unmittelbar sieht. Sein Erkennen und sein Sein oder: sein Erkennen und das Erkenntnisbild, die werden (bei ihm) niemals zur Eins. Nur da sieht man Gott, wo Gott geistig gesehen wird, gänzlich bildlos. Da wird Eins Zwei, Zwei ist Eins, Licht und Geist, die Zwei sind Eins im Umfangensein vom ewigen Licht. (s.o. Quint, 1979, Pr. 28, S. 283, 284)

Aus dieser Lauterkeit hat er mich ewiglich geboren als seinen eingeborenen Sohn in das Ebenbild seiner ewigen Vaterschaft, auf dass ich Vater sei und den gebäre, von dem ich geboren bin. (s.o. Quint, 1979, Pr. 23, S. 258)

Nun könntest du fragen: Was wirkt (denn) Gott ohne Bild in dem Grunde und in dem Sein? Das kann ich nicht wissen, weil die Kräfte nur in Bildern auffassen können, denn sie müssen alle Dinge jeweils in deren eigentümlichem Bilde auffassen und erkennen. Sie können ein Pferd nicht im (= mit dem) Bilde eines Menschen erkennen, und deshalb, weil alle Bilder von außen hereinkommen, darum bleibt jenes (= was Gott ohne Bild im Grunde wirkt) ihr verborgen; das aber ist für sie das allernützlichste. Dieses Nichtwissen reißt sie hin zu etwas Wundersamem und lässt sie diesem nachjagen, denn sie empfindet wohl, dass es ist, weiß aber nicht, wie und was es ist. Wenn (hingegen) der Mensch der Dinge Bewandtnis weiß, dann ist er alsbald der Dinge müde und sucht wieder etwas anderes zu erfahren und lebt dabei doch immerfort in bekümmertem Verlangen, diese Dinge zu erkennen und kennt doch kein Dabei-Verweilen. Daher: (Nur) das nichterkennende Erkennen hält die Seele bei diesem Verweilen und treibt sie doch zum Nachjagen an. (s.o. Quint, 1979, Pr. 57, S. 421)

Beachtet (nun), wodurch wir der Sohn Gottes sind: dadurch, dass wir dasselbe Sein haben, das der Sohn hat. Wie aber ist man der Sohn Gottes, oder wie weiß man es, dass man es ist, da doch Gott niemandem gleich ist? Dies (letztere) ist (freilich) wahr. Isaias sagt (ja doch): »Wem habt ihr ihn verglichen, oder was für ein Bild gebt ihr ihm?« (Is. 40, 18). Da es denn Gottes Natur ist, dass er niemandem gleich ist, so müssen wir notgedrungen dahin kommen, dass wir nichts sind, auf dass wir in dasselbe Sein versetzt werden können, das er selbst ist. Wenn ich daher dahin komme, dass ich mich in nichts einbilde und nichts in mich einbilde und (alles) hinauswerfe, was in mir ist, so kann ich in das bloße Sein Gottes versetzt werden, und das ist das reine Sein des Geistes. Da muss alles das ausgetrieben werden, was (irgendwie) Gleichheit ist, auf dass ich in Gott hinüberversetzt und eins mit ihm werde und eine Substanz, ein Sein und eine Natur und (damit) der Sohn Gottes. (s.o. Quint, 1979, Pr. 35, S. 319, 320)

Es sagen unsere Meister: Alles, was erkannt wird oder geboren wird, das ist ein Bild; und sie sagen demgemäß: Soll der Vater seinen eingeborenen Sohn gebären, so muss er sein (eigenes) Bild als in ihm selbst im Grunde bleibend gebären. Das Bild, wie es ewiglich in ihm gewesen ist, das ist seine in ihm selbst bleibende Form. Die Natur lehrt es, und es dünkt mich durchaus billig, dass man Gott mit Gleichnissen verdeutlichen muss, mit diesem oder jenem. Dennoch ist er weder dies noch das, und so lässt sich der Vater nicht daran genügen, vielmehr zieht er sich wieder in den Ursprung, in das Innerste, in den Grund und in den Kern des Vaterseins, wo er ewiglich innen gewesen ist in sich selbst in der Vaterschaft, und wo er sich selbst genießt, der Vater als Vater sich selbst im einigen Einen. Hier sind alle Grasblättlein und Holz und Stein und alle Dinge Eines. (s.o. Quint, 1979, Pr. 24, S. 263, 264)

Darum sage ich: Wenn sich der Mensch abkehrt von sich selbst und von allen geschaffenen Dingen - so weit du das tust, so weit wirst du geeint und beseligt in dem Fünklein in der Seele, das weder Zeit noch Raum je berührte. Dieser Funke widersagt allen Kreaturen und will nichts als Gott, unverhüllt, wie er in sich selbst ist. Ihm genügt's weder am Vater noch am Sohne noch am Heiligen Geist noch an den drei Personen (zusammen), sofern eine jede in ihrer Eigenheit besteht. Ich sage fürwahr, dass es diesem Lichte auch nicht genügt an der Einheitlichkeit des fruchtträchtigen Schoßes göttlicher Natur. Ja, ich will noch mehr sagen, was noch erstaunlicher klingt: Ich sage bei der ewigen und bei der immerwährenden Wahrheit, dass es diesem Lichte nicht genügt an dem einfaltigen, stillstehenden göttlichen Sein, das weder gibt noch nimmt: es will (vielmehr) wissen, woher dieses Sein kommt, es will in den einfaltigen Grund, in die stille Wüste, in die nie Unterschiedenheit hineinlugte, weder Vater noch Sohn noch Heiliger Geist. In dem Innersten, wo niemand daheim ist, dort (erst) genügt es diesem Licht, und darin ist es innerlicher als in sich selbst. Denn dieser Grund ist eine einfaltige Stille, die in sich selbst unbeweglich ist; von dieser Unbeweglichkeit aber werden alle Dinge bewegt und werden alle diejenigen »Leben« empfangen, die vernunftbegabt in sich selbst leben. (s.o. Quint, 1979, Pr. 34, S. 315, 316)


»In principio«, das heißt zu deutsch soviel wie ein Anfang alles Seins, wie ich in der Schule sagte. Ich sagte überdies: Es ist ein Ende alles Seins, denn der erste Beginn ist um des letzten Endzieles willen da. Ja, Gott selbst ruht nicht da, wo er der erste Beginn ist; er ruht (vielmehr) da, wo er Endziel und Rast alles Seins ist; nicht, als ob dieses Sein zunichte würde, es wird vielmehr da vollendet als in seinem letzten Ziel gemäß seiner höchsten Vollkommenheit. Was ist das letzte Endziel? Es ist das verborgene Dunkel der ewigen Gottheit und ist unerkannt und ward nie erkannt und wird nie erkannt werden. Gott bleibt dort in sich selbst unerkannt, und das Licht des ewigen Vaters hat da ewiglich hineingeschienen, aber die Finsternis begreift das Licht nicht (Joh. 1, 5).(s.o. Quint, 1979, Pr. 23, S. 260, 261)

Wenn einer mich nun fragte, was denn aber das sei: ein armer Mensch, der nichts will, so antworte ich darauf und sage so: Solange der Mensch dies noch an sich hat, dass es sein Wille ist, den allerliebsten Willen Gottes erfüllen zu wollen, so hat ein solcher Mensch nicht die Armut, von der wir sprechen wollen; denn dieser Mensch hat (noch) einen Willen, mit dem er dem Willen Gottes genügen will, und das ist nicht rechte Armut. Denn, soll der Mensch wahrhaft Armut haben, so muss er seines geschaffenen Willens so ledig sein, wie er's war, als er (noch) nicht war. Denn ich sage euch bei der ewigen Wahrheit: Solange ihr den Willen habt, den Willen Gottes zu erfüllen, und Verlangen habt nach der Ewigkeit und nach Gott, solange seid ihr nicht richtig arm. Denn nur das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts begehrt.(s.o. Quint, 1979, Pr. 32, S. 304)


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