Kurze philosophische Lektion für gebildete Ignoranten


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Posted by edg on September 21, 2004 at 18:33:14:

Metaphysik will vom Ganzen der Wirklichkeit handeln. Dies ist die Vorgabe, die Sehnsucht des in den philosophischen Diskurs Eintretenden: das Gewebe des Ganzen zu verstehen. Was aber soll eine Metaphysik, die „die Wirklichkeit“ als eine objekthafte, rein gegenständliche (durch die wir Alltagsmenschen uns mittels der Referenzkraft unseres Sprechens beziehen) schon vor dem philosophischen Diskurs voraussetzt? Hat eine solche Metaphysik nicht schon am Beginn ihr Ziel verfehlt: das Ganze der Wirklichkeit begrifflich erfassen zu wollen? Man erwidert uns: Philosophen, die Metaphysik treiben wollen, sollen beim common sense des Alltags beginnen (und die Ergebnisse der empirischen Wissenschaften als eine Vertiefung dieses Alltagswissens betrachten). Woher aber soll dem radikalen Metaphysiker, der seine Sache ernst nimmt, die Gewissheit zuwachsen, dass die Auffassungen, die mit einer halbwegs funktionierenden Alltagspraxis verbunden sind, die Sache treffen; woher nimmt man die Gewissheit, das unser Wahrnehmungsvermögen dazu geschaffen ist, die Wirklichkeit in ihrem An-sich erfassen zu können? Mit der Wahrheit ist es eigentlich ganz einfach, sagt man uns: „Dies ist ein Tisch“ ist dann wahr, wenn die Referenz glückt, d.h. wenn der Zeigende „tatsächlich“ auf einen Tisch zeigt (dieser Sachverhalt darf dann eine Tatsache genannt werden). Und pragmatisch, wie man ist, fügt man ein weiteres Argument hinzu: Unsere Alltagskommunikation funktioniert großteils prächtig (ebenso wie die technischen Eingriffe der Erfahrungswissenschaften prächtig funktionieren); ist dies nicht genug Indiz dafür, dass unser alltägliches und wissenschaftlichen Sprechen die Wirklichkeit trifft und damit also ein wirkliches Wissen ist? Fügen wir hinzu: Wirkliches Wissen, im Unterschied zu scheinbarem Wissen, zeichnet sich dadurch aus, das es das „Sein“ trifft, und diese Rede vom Sein hat gar nichts Mysteriöses an sich: Es heißt ja nur, dass die Aussagen, in denen sich dieses Wissen manifestiert, ein „ist“ enthalten, das ein Etwas in/an der Wirklichkeit trifft. (In Frage stände aber: Wie ist diese Beziehung zwischen einem konkreten „ist“ im Kontext einer bestimmten Aussage und der objektiven Wirklichkeit zu deuten?) – Wir dulden diese Vorgehensweise nicht! Entweder wir lehnen es ab, Metaphysik zu treiben: dann dürfen wir uns mit den Rahmenbegriffen, die uns aus dem Alltag und der Wissenschaft vertraut sind, zufrieden geben: die Wirklichkeit steht dem Menschen gegenüber, sie ist das Objekt eines Subjektes, dessen strenge methodische Reflexionen es dahin führen können, das Objekt in seinem An-sich-sein zu durchdringen; oder wir stellen alle diese grässlichen, unreflektierten metaphysischen Vorentscheidungen in Frage (dies können wir von Descartes ewig lernen), um grundsätzlicher fragen zu können. Denn: Vergessen wir nicht etwas, wenn wir in alltäglicher und wissenschaftlicher Einstellung nach der Wirklichkeit fragen?

Ich habe etwas ganz Bestimmtes im Sinn: Wir vergessen die menschliche Wirklichkeit. Was ist die menschliche Wirklichkeit? Dies kann uns keine Anthropologie sagen, die den Menschen bloß als Gegenstand unter anderen betrachtet. Da müssen wir schon auf die phänomenalen Qualitäten Bezug nehmen, die wir alle aus der Innenperspektive kennen (wer sagt uns, dass diese phänomenalen Qualitäten bloß sekundäre Qualitäten sind, etwa die Wissenschaft?). Eine These, unwiderleglich (transzendental, durch Reflexion auf das nichtkontingente Tätigsein des Menschen, also nicht auf irgendwelche Alltagsvorurteile gestützt): Zentral für die menschliche Wirklichkeit ist die transzendentale Erfahrung der Freiheit. Keine wissenschaftlich-objektivierende Einstellung kann diese Erfahrung wiederlegen, weil sie – selbst wenn sie thematisch bestritten wird – unthematisch vollzogen wird. Dies ist das große Defizit aller Metaphysik, sie sich unkritisch als theoretische (kontemplative)Wissenschaft, die intentional auf die objekthafte Wirklichkeit gerichtet ist, versteht: Sie missachtet das Tun, das Tätigsein, den Akt, in dem sie ihre Theorien ausarbeitet; sie verkennt, dass alles Denken schon ein Tätigsein ist; sie verkennt das unwiderlegliche „Ist“ des denkenden Tätigsein; stattdessen sollte sie fragen: Was tun wir, wenn wir denken? Dann müssten ihr endlich ihre metaphysischen blinden Flecken aufgehen.



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